Der Mensch ist ein soziales, kulturelles und geistiges Wesen – von Anfang an
Von der Stunde seiner Geburt an ist der Säugling angewiesen auf seine Eltern oder andere erwachsene Artgenossen. Von Anfang an besteht eine soziale Gemeinschaft, ein Miteinander. Der Mensch ist also ein soziales Wesen – von Anfang an. Als unfertiger Mensch – physiologische Frühgeburt – wird das Kind in eine Welt hineingeboren, in der Werte und Normen das Zusammenleben bestimmen. Man kann dies Kultur nennen, Gesellschaft oder auch alles umfassend als „Umwelt“ bezeichnen.
Erst diese Umwelt ermöglicht und bestimmt die Entwicklung des Kindes. Die Inhalte einer Kultur, die Werte und Normen einer Gesellschaft und die Verhaltensweisen als soziales Wesen sind nicht genetisch festgelegt. Sie werden gelernt und müssen gelernt werden, soll das Leben gelingen. Das bedeutet nicht, dass sämtliche Werte und Normen unhinterfragt übernommen werden. Es bedeutet aber, dass diese ganz untrennbar Teil der Umwelt sind, in die der kleine Mensch hineinwächst, in der er sich orientieren muss, in der er seine arttypischen Merkmale ausprägt und seine Individualität entwickeln wird.
Im Gegensatz zum Tier verfügt der Mensch über ein Bewusstsein von Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft und über ein Bewusstsein seiner selbst. Er ist also auch ein geschichtliches und geistiges Wesen. Auch dies sind arttypische Merkmale, die nicht von Anfang an ausgeprägt sind. Sie bilden sich ebenfalls erst im Lauf des menschlichen Entwicklungsprozesses heraus.
Ein Beispiel: Das Bewusstsein seiner Selbst erwacht beim Kind erst im zweiten bis dritten Lebensjahr mit dem Wörtchen „Ich“. Erst zu diesem Zeitpunkt erlebt das Kind sich als eigenständige Person mit einem eigenen Willen. Es ist sozusagen eine zweite Geburt. Für jeden, der mit der Erziehung eines Kindes betraut ist, ist es wichtig, wenigstens über elementare Kenntnisse der kindlichen Entwicklung zu verfügen. Um beim Beispiel des erwachenden Selbstbewusstseins zu bleiben: Wer diese entwicklungspsychologische Tatsache und ihre Bedeutung kennt, wird die damit einhergehende „Trotzphase“ ganz anders bewerten. Diese Phase ist nicht dazu da, Eltern und Erzieher zu ärgern oder ihnen das Leben schwer zu machen. Es ist vielmehr die erste Loslösungsphase, in der sich das Kind nicht mehr als Einheit mit der Mutter erlebt. Sie bedeutet im Leben des Kindes Verlust und Zugewinn zugleich. Das Kind muss seine neue Unabhängigkeit üben, erproben und ausbauen dürfen. Es muss dabei selbstverständlich auch lernen und erfahren, wo seine neuen Grenzen liegen.
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