Was wird aus uns? Bestimmen die Gene oder entscheidet die Umwelt?
Was bestimmt die kindliche Entwicklung? Sind es die Gene oder die Umwelteinflüsse, die dominieren? Je nachdem, wie wir diese Frage beantworten, ergeben sich für Erziehung und für die Bildungspolitik unterschiedliche Konsequenzen. Geht man davon aus, dass die Gene die entscheidende Rolle bei der Entwicklung des Kindes spielen, so hat Erziehung als Anregung und Förderung hauptsächlich unterstützende Funktion. Ihre Aufgabe ist es dann, die angelegten Talente, Fähigkeiten und Charaktereigenschaften wachsen zu lassen. Zu der Sicht der Anlagetheoretiker passt das Bild des Erziehers als Gärtner (siehe: Führen oder Wachsenlassen).
Wenn aber nicht die Gene, sondern die Umwelteinflüsse entscheidend für die kindliche Entwicklung sind, stellt sich die Aufgabe von Erziehung anders dar: Aus Sicht der Umwelttheoretiker sind Talente und Fähigkeiten nicht naturgegeben, sondern Ergebnis der Umwelteinflüsse und Bedingungen unter denen das Kind aufwächst. Erziehung muss dann – unabhängig von naturgegebenen Talenten und Fähigkeiten – jedem Kind optimale Bedingungen für seine Entwicklung bieten.
Die Extrempositionen von Anlage- und Mileutheorieanhängern wurden und werden immer wieder gerne genutzt um bildungspolitische Gefechte auszutragen. Während die Mileutheoretiker Chancengleichheit und „Bildung für alle“ fordern, tendieren die Anlage-Theoretiker eher zur Förderung und Herausbildung von Eliten. Die Umwelttheoretiker vernachlässigen dabei häufig die Tatsache, dass dem Individuum durch seine Gene tatsächlich Grenzen gesetzt sind – die Anlagetheoretiker hingegen unterschätzen die Bedeutung der sozialen und materiellen Unterschiede für die Entwicklungschancen des Menschen und den Einfluss einer fördernden und anregenden Umwelt.
Beide Extrempositionen und die sich jeweils daraus ableitenden pädagogischen und bildungspolitischen Schlussfolgerungen sind nach dem heutigen Stand der Forschung nicht haltbar.
Zu 100 % bestimmen die Gene – und zu 100 % die Umwelt!
Wie aber findet man heraus welche Fähigkeiten und Eigenschaften zu wie viel Prozent auf Vererbung oder Umwelteinflüssen beruhen? Ein Nachweis für die eine oder die andere These ist schwierig zu erbringen. Eine Methode ist die Zwillingsforschung. Eineiige Zwillinge sind genetisch völlig identisch. Man untersuchte Zwillinge, die direkt nach der Geburt durch äußere Umstände getrennt wurden und in verschiedenen Familien aufwuchsen. Da die Zwillinge unterschiedlichen Umwelteinflüssen ausgesetzt waren, mussten die Ähnlichkeiten, die sie aufwiesen genetisch bedingt sein. Es fanden sich auch viele Ähnlichkeiten, aber keinerlei Hinweise darauf, dass wichtige Persönlichkeitseigenschaften genetisch bedingt seien.
Auch die Untersuchungen von Adoptivkindern sollten Aufschluss darüber geben, welchen Anteil Gene und Umwelt an der Persönlichkeitsentwicklung haben. Bei Kindern, die nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwuchsen, fand man heraus, dass sich die Persönlichkeit der Kinder im Lauf der Jahre immer mehr an die ihrer Adoptiveltern angleicht. Der Intelligenzquotient allerdings ähnelte im Erwachsenenalter eher dem der leiblichen Eltern. Dies legt die Schlussfolgerung nahe, dass Intelligenz zu einem größeren Teil vererbt wird.
Unbestritten ist, dass sowohl Anlage als auch Umwelt wesentliche Einflussfaktoren sind. Da vom ersten Augenblick der Geburt eines Menschen beide gleichzeitig wirken, ist der Nachweis, zu wie viel Prozent die Gene oder die Umwelt bei der Ausbildung von Persönlichkeitsmerkmalen beteiligt sind, nicht zu erbringen. Etwas überspitzt lässt sich also sagen: Wir werden zu 100 % von unseren Genen bestimmt und zu 100 % von der Umwelt.
„Es ist wichtig zu wissen, dass eine solche Frage (nach den jeweiligen Anteilen von Genen und Umwelt, d. V.) prinzipiell nicht beantwortet werden kann, weil sich eine individuelle Merkmalsausprägung immer aus dem Zusammenwirken von Anlage und Umwelt ergibt, deren Beiträge zu dem Endprodukt nicht quantifiziert werden können (K. J. Klauer, 2001 Anlage und Umwelt. In D.H. Rost (Hrsg.), Handwörterbuch Pädagogische Psychologie, Psychologie Verlags Union, Weinheim ). …
Aus der Bedeutung, die Anlage und Umwelt beim Zustandekommen von Persönlichkeitsunterschieden bei einem bestimmten Persönlichkeitsmerkmal haben, lassen sich keine unmittelbaren pädagogischen und bildungspolitischen Schlussfolgerungen ableiten.
Unangemessen sind pessimistische pädagogische Schlussfolgerungen auch, wenn sie auf der Annahme beruhen, "genetisch bedingt" sei gleich bedeutend mit "nicht veränderbar". Diese Annahme ist ein Missverständnis. … Persönlichkeitsmerkmale eines Menschen (wie z. B. die Intelligenzausstattung) sind (auch dann, wenn sie genetisch beeinflusst sind) in ihrer Entwicklung nicht vollständig determiniert, sondern können durch geeignete pädagogische Fördermaßnahmen verändert werden.
Die Veränderbarkeit von Persönlichkeitsmerkmalen hat allerdings ihre Grenzen. Die genetische Ausstattung legt eine Bandbreite des Entwicklungsspielraumes fest, die nicht beliebig überschritten werden kann. … So können noch so vielfältige Fördermaßnahmen letztlich nicht bewirken, dass aus schwach begabten Kindern hoch begabte Kinder werden. … Welche allgemeine Empfehlung lässt sich nun vor dem Hintergrund der Anlage-Umwelt-Forschung für die Erziehung geben?
Pädagogische Maßnahmen zur Förderung von Kindern sind sinnvoll — überzogene Erwartungen sind es nicht!“ (1)
(1) Gerhard Büttner: Anlage und Umwelt – ihre Bedeutung für die kindliche Entwicklung zitiert nach www.online-familienhandbuch.de
Seiten-Navigation
-
Kindererziehung
- Kindererziehung
- physiologische Frühgeburt
- biologisches Mängelwesen
- soziokulturelles Wesen
- Erziehungsbedürftigkeit
- Anlage - Umwelt
- Führen oder Wachsenlassen?
- Ermutigung
- Erziehung im Wandel
- Die 68er-Generation
- Erziehungsstile
- autoritär
- antiautoritär
- demokratisch
- Entwicklungspsychologie
- 1. Lebensjahr
- 2.+3. Lebensjahr
- Vorschul- und Schulalter
- Pubertät und Jugend
- Lerntheorien
- Konditionierung
- Versuch und Irrtum
- Lernen am Modell
- Lernen durch Einsicht
Anthropologische Voraussetzungen
Richtige Erziehung
Erziehung im Wandel
Erziehungsstile
Entwicklungspsychologie
Lerntheorien
-
Tageseltern
-
Fernlehrgang Kindererziehung
